„Wenn heute Menschen mit Behinderungen Arbeit finden, wo vor 25 Jahren noch keine war, wenn diese Menschen in einem Wohnheim eine
dauerhafte Heimat finden können, wo sie früher die Gemeinde verlassen mussten und wenn diese Menschen heute in der Bevölkerung besser verstanden und selbstverständlicher aufgenommen werden, dann kann der Ortsverein der Lebenshilfe, der sich dafür eingesetzt hat, mit einer gewissen Zufriedenheit auf die 25 Jahre seines Bestehens zurückblicken.“
Wie kam das eigentlich?

- von l.n.r.: Robert und Margarethe Mager, Armin Dommer, Johanna Dommer
Robert Mager und Armin Dommer, beide waren Väter einer Tochter mit einer geistigen Behinderung, hatten vor über 25 Jahren auf dem Weg zu einer Vereinsgründung noch nichts in den Händen, aber den festen
Vorsatz, für ihre Kinder und andere Menschen mit diesem Schicksal mehr Lebensqualität zu schaffen.
Ihre Töchter hatten, wie andere Menschen mit geistigen Behinderungen aus dem Kreis Rottweil auch, sehr lange und in aller Frühe in die Werkstatt nach Schwenningen fahren müssen. Deshalb lag es den Vätern am Herzen, in Rottweil einen Verein zu gründen, der sich der Aufgabe widmete, eine Werkstatt für behinderte Menschen in der Nähe der Wohnorte dieser Menschen zu errichten. In Josef Rebhan, damals Abgeordneter des Landtages, fanden sie einen engagierten Mitstreiter.
Die Idee und das Ziel für den Verein waren geboren. Die Gründungsversammlung fand am 8. November 1983 im Gasthaus „Bären“ statt, bereits am 12. Dezember 1983 war die Vereinsgründung rechtlich abgeschlossen. Das erklärte Vereinsziel war die Schaffung einer Werkstatt für behinderte Menschen in Rottweil. Der erste Vorstand des Vereins bestand aus Josef Rebhan als Vorsitzendem, Robert Mager als Stellvertreter, Bernhard Fehrenbach als Schatzmeister, Heinrich Spadinger als Schriftführer und Armin Dommer, Dr. Franz Eichstätter, Hildegard Hauser, Elisabeth Jörg, Wolf - Dieter Klaeden und Gisela Koch als Beisitzern. Alle hatten sich auf das hochgesteckte Ziel und auf einen langen Weg dahin eingestellt.
Unterstützt wurden sie in der Folgezeit von zahlreichen rührigen Helferinnen und Helfern, die sich weit über das normale Maß hinaus in dem jungen Verein für die Belange behinderter Menschen einsetzten. Zu erwähnen sind hier insbesondere Margarethe Mager und Johanna Dommer, die Ehefrauen der Initiatoren, die sich unermüdlich in den Dienst der Sache stellten. Das schwierige Unterfangen, eine „eigene“ Werkstatt in Rottweil zu schaffen, wurde zumindest durch den Umstand begünstigt, dass die Werkstatt in Schwenningen hätte erweitert werden müssen. Der Landeswohlfahrtsverband befürwortete dann auch die Rottweiler Devise: „Neubau in Rottweil vor Ausbau in Schwenningen“. Mit dem Argument, „mit der Werkstatt näher bei den Menschen zu sein“, konnte man sich im Grundsatz für einen Standort Rottweil durchsetzen. Allerdings mussten alle behinderten Menschen des Kreises, die einmal als potenzielle Nutzer der Werkstatt in Frage kämen, in die Kalkulation mit einbezogen werden, damit die erforderlichen Fallzahlen zustande kamen.
Nachdem die zahlenmäßigen Voraussetzungen erfüllt werden konnten, war allerdings noch kein Bauplatz gefunden. Die ursprünglich favorisierten Standorte auf der Charlottenhöhe oder beim alten Krankenhaus waren einigen Bewohnern dieser Wohngebiete dann doch „zu nah bei den Menschen“.
Da es sich bei einer Werkstatt für behinderte Menschen, neben allen sozialen Aspekten, auch um eine Art von „Gewerbebetrieb“ mit einem gewissen Verkehrsaufkommen handelt, einigte man sich schließlich auf den von der Stadt Rottweil angebotenen Platz im Gewerbegebiet „Saline“.

- Bernhard Fehrenbach bei einer Tombola beim Stadtfest
Neben den zahlreichen Aufgaben, die es zu bewältigen galt, um den vielfältigen Belangen der behinderten Menschen gerecht zu werden, hieß es nun Geld für das große Ziel zu sammeln. Schließlich musste der Verein
Eigenmittel in Höhe von 10 Prozent der Gesamtkosten vorweisen können, bevor der Landeswohlfahrtsverband eine grundsätzliche Zustimmung zu dem Bauvorhaben geben würde. Das bedeutete konkret: Der Verein musste Eigenmittel in Höhe von knapp 700.000 DM zusammen bringen, bevor er eine Bewilligung vom Landeswohlfahrtsverband erwarten durfte. Entschlossen wurden nun alle erdenklichen Möglichkeiten wahrgenommen, die Vereinskasse zu füllen.
Als gute Einnahmequelle stellte sich die Tombola beim Stadtfest heraus, die von der Bevölkerung mit großer Solidarität zu dem Verein und seinen Zielen angenommen wurde. Viele Helferinnen und Helfer arbeiteten jeweils an den zwei Tagen des Stadtfestes buchstäblich für den guten Zweck, manche bis zur Erschöpfung. Nicht nur bei der Tombola stellte sich heraus, dass der Verein in Bernhard Fehrenbach einen Schatzmeister gefunden hatte, bei dem die
Finanzen in den allerbesten Händen waren. Parallel zum finanziellen Kraftakt wurden Ausflüge und Freizeiten, regelmäßige Schwimmstunden, Gymnastik- und Turnstunden, Kegelabende, stilvolle Weihnachtsfeiern und vielfältige andere Aktivitäten organisiert und in Eigenregie betreut. Selbst die Kosten für diese Aktivitäten und Unternehmungen wurden aus der eigenen Tasche bezahlt um die Vereinskasse nicht zu belasten. Dabei wurde um jede Mark geknausert - die eigene Werkstatt immer fest im Blick.

- Weihnachtsfeier der Lebenshilfe
Nach teilweise schwierigen Verhandlungen mit den öffentlichen Geldgebern und den bewilligenden Institutionen war es am 13. Juni 1992 soweit: Der lang ersehnte Spatenstich konnte erfolgen. Nur elf Jahre nach der Gründung des Vereins, zahlreichen Besichtigungstouren zu anderen Werkstätten, unzähligen Beratungen und der Meisterung aller bürokratischen Hürden und planerischen Schwierigkeiten war das große Ziel nach etwa eineinhalbjähriger Bauzeit erreicht: Am 3. Februar 1994 konnte die Werkstatt auf der Saline feierlich eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben werden. Als Herstellungskosten standen rund 6,7 Millionen DM zu Buche!
Federführend bei der Planung und der Realisierung dieses Großprojektes war Dr. Jörg Schmid, der den Stab des ersten Vorsitzenden am 2. März 1990 von Josef Rebhan übernommen hatte. Josef Rebhan, der weiterhin als zweiter stellvertretender Vorsitzender dem Vorstand angehörte, unterstützte ihn nach Kräften. Einig war man sich in den Reihen des Vorstandes, dass die Werkstatt und die vielen Aktivitäten zu Gunsten der behinderten Menschen in großem Umfang ein Verdienst von Robert Mager waren, der von Dr. Schmid anerkennend als „Motor der Lebenshilfe“ bezeichnet worden war. Robert Mager wurde für seine großen Leistungen am 15. Januar 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

- Werkstatt im Bau
Schon unmittelbar nach Abschluss des Bauprojektes stellte sich heraus, dass das erklärte Ziel zwar erreicht war, die Betriebsführung der Einrichtung aber eine große Herausforderung darstellte. Für die vielen unterschiedlichen Befähigungen der behinderten Menschen mussten angemessene Beschäftigungsfelder und Betätigungsformen gefunden werden. Das Bild von der „Beschützenden Werkstätte“, das in weiten Kreisen der Bevölkerung noch vorherrschte, war schon seit Jahren überholt.
Werkstätten für behinderte Menschen wurden mehr und mehr zu wirtschaftlich geführten
gewerblichen Betrieben. Gleichzeitig sollten sie Sozialunternehmen sein, die die behinderten Mitarbeiter weitestgehend als eigenständige Persönlichkeiten respektierten. Nach dem Motto, „so normal wie möglich“, sollten sie als betriebliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen ihrer Fähigkeiten beschäftigt werden. Auch arbeitsbegleitende Maßnahmen, die die Förderung und Erhaltung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter zum Ziel hatten, mussten in den Arbeitsalltag integriert werden.
Im Laufe der neunziger Jahre stellte sich heraus, dass es sinnvoll war, alle Einrichtungen, die es für die Menschen mit Behinderungen im Kreis gab, zu bündeln: Im Jahre 1998 entstand die „Lebenshilfe im Kreis Rottweil gGmbH“. Ihr gehörten die Werkstatt in Rottweil und die fast zeitgleich entstandene Werkstatt der Ortsvereine Oberndorf und Schramberg in Waldmössingen, das „Antonie-Maurer-Haus“, das Wohnheim in Waldmössingen, und die „Familienentlastenden Dienste“ an. Geschäftsführer wurde Klaus-Dieter Geißler.Davor hatten nur die beiden Werkstätten zu der gemeinnützigen GmbH auf Kreisebene gehört. So sah man sich für das schwieriger werdende Terrain der Beschaffung von geeigneten Aufträgen und der Ausgestaltung der erforderlichen Arbeitsplätze besser aufgestellt.
Der Ortsverein Rottweil blieb allerdings weiterhin Eigentümer der Werkstatt und ist als Gesellschafter und im Aufsichtsrat für die Geschicke der Gesellschaft insgesamt mitverantwortlich.

- Dr. Jörg Schmid, Bernhard Fehrenbach,

- Robert Mager, Dr. Michael Arnold (damaliger Oberbürgermeister)
Durch diese veränderte Gesellschaftsstruktur wurden neue Kräfte frei, die sich fortan für das, bis dahin eher still gehegte, Ziel vereinigten. Mit großer Tatkraft wurde das Wohnheim in bewährter Weise in Angriff genommen.
Fast schon unglaublich mutet es aus heutiger Sicht an, dass das zweite Großprojekt, das Wohnheim, schon wenige Jahre nach der Übergabe der Werkstatt bereits konkrete Züge annahm:
Im Juli 2001 erfolgte bereits der Baubeginn für das Wohnheim „Haus Hochmauren“, das für 33 Menschen konzipiert war.
Gerne hätte man zwar die räumliche Gliederung etwas großzügiger gestaltet, dies hatten aber die Vorgaben für die Zuwendung öffentlicher Mittel nicht zugelassen. Der Spatenstich konnte schon im Juli 2001 erfolgen und das Bauprojekt im Mai 2003 feierlich den künftigen Bewohnern übergeben werden. Mit der Übergabe fiel auch von den Verantwortlichen eine schwere Last ab, ein kaum vorstellbarer Kraftakt für die Beteiligten war zu Ende gegangen.
Noch einmal hatte es geheißen, über 600.000 DM bzw. 300.000 Euro zusammenzutragen, zukunftsweisende Konzepte zu entwerfen, Ordner füllende Anträge zu stellen und durchzufechten und „nebenher“ für die Menschen die „ganz normalen Betreuungsleistungen“ zu erbringen.
Noch im gleichen Jahr musste man schmerzlich erfahren, dass Freud und Leid oft nahe beieinander liegen. Bereits wenige Zeit nachdem das Wohnheim seiner Bestimmung übergeben worden war, verstarb am 28. Oktober 2003 Robert Mager im Alter von 75 Jahren nach schwerer Krankheit. Fünf Monate zuvor, am 28. Mai 2003, war schon sein großer Mitstreiter, Armin Dommer, fast 85 Jahre alt, einer schweren Krankheit erlegen. Wenige Monate später, am 5. Februar 2004, verstarb auch dessen Ehefrau, Johanna Dommer,
im Alter von 82 Jahren. Auch ihr war für ihre großartige Lebensleistung das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Das hohe Ziel, das sie immer vor Augen hatten, die Errichtung einer Werkstatt und eines Wohnheimes, hatten sie noch erleben dürfen. Sie hinterließen in der Lebenshilfe eine große Lücke.
In der Folgezeit konzentrierte sich das Augenmerk des Vereins darauf, den Betrieb des Wohnheims, der nun auch durch die gGmbH des Kreises abgewickelt wurde, und die Entwicklung in der Werkstatt zu begleiten. Da beide Einrichtungen nach wie vor der Lebenshilfe Rottweil gehören, obliegt den Verantwortlichen die Verwaltung der Gebäude.

- Wohnheim „Haus Hochmauren“
Im vergangenen Jahr verließ Dr. Jörg Schmid, der 17 Jahre den Vorsitz des Vereins inne hatte, Rottweil. Nach seiner Pensionierung und Verabschiedung als Leiter der beruflichen Schulen ging er zurück in seine alte Heimat nach Würzburg. Josef Rebhan übernahm das Amt des Vorsitzenden noch einmal kommissarisch bis zur nächsten Hauptversammlung.
Seit dem 3. April des Jahres führt nun Frank Weniger den Verein. Er ist kein Unbekannter in der Lebenshilfe. In den Jahren 1986 bis 1991 hatte er die Turn- und Gymnastikgruppe des Vereins geleitet, war bei vielen Arbeitseinsätzen mit von der Partie und gehörte in der Planungsphase des Wohnheims dem Vorstand an. Unterstützt wird er in seinen vielfältigen Aufgaben von den neuen Stellvertretern, Susanne Wagner, der Leiterin
der Gustav-Werner-Schule, und Josef Rebhan. Einhellig steht der Vorstand hinter den Zielen des Vereins, die Teilhabe behinderter Menschen am Leben in der Gemeinde weiter zu fördern, die Öffentlichkeit hierfür zu sensibilisieren und Wohnheim und Werkstatt den Erfordernissen anzupassen, die sich aus den geänderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ergeben.
So wird zum Beispiel derzeit die Sanierung und Erweiterung der Werkstatt auf der Saline geplant und als neue Wohnform das „Betreute Wohnen“ konzipiert