
- Wohngemeinschaft im „Haus Hochmauren“
Es ist 5.45 Uhr. Wie jeder Berufstätige muss Thomas beizeiten aus den Federn. Für ihn beginnt ein ganz normaler Arbeitstag. Allerdings ist der nicht ganz so normal, wie bei den meisten anderen Berufstätigen. Thomas Weiser ist 44 Jahre alt und lebt im „Haus Hochmauren“, im Wohnheim der Lebenshilfe Rottweil. Beim ersten Gang über den Flur ist er noch alleine. Die anderen neun Mitbewohner in seiner Wohngruppe, einer von drei im Wohnheim, sind noch nicht soweit. Heute hilft ihnen Elke Gülich liebevoll, die ersten Schritte in den neuen Tag zu tun. Bei den meisten reicht die persönliche Ansprache. In manchen Fällen hilft sie tatkräftig beim Anziehen und den üblichen morgendlichen Ritualen. Als Thomas zurückkommt, sind schon viele seiner Mitbewohner auf den Beinen. Von allen wird er freundlich begrüßt, man wünscht sich allseits einen guten Morgen. Nach dem Anziehen zieht schon der Duft frischen Kaffees durch den Flur. Im gemütlichen Aufenthaltsraum ist der Tisch bereits gedeckt. Als Thomas zum Frühstück kommt, sitzen die meisten schon an ihren Plätzen. Keiner isst. Alle warten, bis Simone kommt. Das ist ganz selbstverständlich. Simone braucht etwas länger, sie kommt mit dem Rollstuhl. Nachdem allezusammen sind, wird gefrühstückt. Fröhlich und rücksichtsvoll geht man miteinander um, spricht man über Alltägliches. Sie sind eine Lebensgemeinschaft geworden.
Thomas ist von Anfang an dabei, seit das Heim im Jahre 2003 in Betrieb genommen wurde. Er ist hier daheim. Heute hat er Tischdienst. Das heißt, Geschirr abtragen, Tische abwischen und aufstuhlen. Damit er es auch nicht vergessen kann, hängt im Flur der Diensteplan. Für die einen schriftlich, für die anderen mit Bildern, Symbolen und den Fotos der zuständigen Betreuer/innen. Danach muss er sich sputen. Er macht alles sehr gewissenhaft aber etwas bedächtig. Zähneputzen, noch mal kämmen und gut anziehen, es ist frisch draußen, es könnte regnen und der anschließende Weg zum Arbeitsplatz ist kein Katzensprung. Manche bewältigen ihn mit dem Fahrdienst, andere laufen. Thomas, Petra und Claudia machen sich auf den Weg.
Die Begrüßung durch die Werkstattbetreuer/innen ist freundlich und korrekt. Man geht respektvoll miteinander um. Thomas steuert direkt seinen Arbeitsplatz an. Er ist in der Abteilung der Kartonfertigung. Er faltet vorgestanzte kräftige Tafeln aus Pappe, schiebt sie sorgfältig bis zum Anschlag in seine Klammermaschine und betätigt das Fußpedal, damit die Kartons geheftet werden. Mitarbeiter von ihm bringen ihm die Pappe an den Arbeitsplatz und holen die fertigen Kartons ab um sie auf Paletten zu stapeln. Thomas macht diese Arbeit, die ihm viel Konzentration abverlangt, gern, wie er sagt. Dennoch ist sein Arbeitsvormittag trotz Pausen anstrengend. Zum Mittagessen trifft sich ein Großteil der 90 Mitarbeiter in der Kantine. In vielen Fällen ist das Essen „ernährungstechnisch“ auf die teils speziellen Bedürfnisse der Menschen abgestimmt. Nach dem Essen geht es bis zur Kaffeepause noch einmal an die Maschine, noch einmal werden haufenweise Kartons hergestellt, gestapelt und abtransportiert. Um sechzehn Uhr ist Feierabend, dann wird der Rückmarsch angetreten. Thomas muss auf dem Heimweg noch beim Frisör vorbei und einen Termin ausmachen. Im Wohnheim steht die Besprechung des Abendprogramms an. Einmal in der Woche ist eine große Sitzung: Bei der Teambesprechung wird der Speiseplan für die kommende Woche festgelegt. Der will wohl durchdacht sein. Es muss selbst geplant, eingekauft, vorbereitet, gekocht und natürlich finanziell gewirtschaftet werden. Alles, soweit es geht, in Eigenregie. Alles so normal wie möglich. Die Heilerzieherinnen und
-erzieher helfen nur, wo es sein muss. Jeder Bewohner hat allerdings einen „Bezugsbetreuer“. Der ist, erläutert Johanna Kremer, die heute Abend und in der Nacht Dienst hat, für die persönlichen Belange seiner Menschen zuständig. Der macht Termine, kontrolliert die Gesundheitsvorsorge, regelt behördliche Angelegenheiten, gestaltet das Freizeitprogramm und stellt individuelle Förderpläne mit klaren Förderzielen auf. So trainiert sie zum Beispiel mit Petra am Kalender die Strukturierung der folgenden Monate. Trotz des Feierabends in der Werkstatt bringt der Tag heute noch einiges an Arbeit: Der vierteljährliche Großputz steht an! Zu allem reicht die Zeit vor dem Abendessen natürlich nicht. Nach dem Essen gehen die Arbeiten weiter. Danach bleibt nur noch ein wenig Fernsehen. Sonst wird in der freien Zeit auch getanzt, gemalt, gesungen, gewandert, gekegelt und vieles mehr gemacht.
Bald ist Wochenende. Immerhin bleiben 15 bis 20 Bewohner/innen über das Wochenende im Wohnheim und nehmen an den dann noch umfangreicheren Freizeitangeboten teil.
Gegen 21.45 Uhr geht Thomas müde aufs Zimmer. Auf dem Weg dahin hellt sich sein Blick am Plakat der Geschwister Hofmann noch einmal auf. In zwei Wochen geht der Volksmusikfan mit seiner Betreuerin und zwei Mitbewohnerinnen nach Villingen zum Konzert. Brigitte Grünwald, die Schwester von Thomas, findet, dass es ein Segen sei, dass es diese Einrichtungen gibt.




